Monday, September 11, 2006

JM

Mein Bruder ist tot. Am 4. September ist er nach längerer Krankheit gestorben. Die Trennung ist nun definitiv. Bis jetzt hätten wir die Chance gehabt, das zerschlagene Geschirr wieder zu kitten. Er ist gegangen, ohne Ordnung zu machen, ohne den Versuch zu unternehmen, ein offenes Kapital abzuschliessen.
Seit 24 Jahren haben wir uns nicht mehr gesehen. Schon in den 10 Jahren davor, war das Verhältnis nicht das Beste gewesen. Sonderbar, ich könnte schwören, dass er nicht einmal mehr wusste, warum es soweit gekommen ist. «J» war mein Bruder und ich trauere um ihn. Natürlich kann ich nicht vergessen, dass er keinerlei Dankbarkeit für meine Grosszügigkeit bei der Erbteilung gezeigt hatte. Natürlich kann ich nicht vergessen, dass er hinter meinem Rücken mithilfe der Mutter mein Haus ausräumte und sich bediente, ohne zu fragen. Natürlich kann ich nicht vergessen, dass er die Mutter gegen mich aufstachelte, oder zumindest nichts gegen deren Eifersucht unternahm. Er hat sich sogar als ihr Beirat ernennen lassen, um sie besser kontrollieren zu können. Auch später, als er mit «R» zusammen Kasse machte, wollte er sich nicht an die bestehenden Verträge halten. Als ich mein Recht einforderte, wurde ich verunglimpft. Noch schlimmer erscheint auch die Tatsache, dass er die Objekte und Bilder, welche mir meine Mutter gestohlen hatte, bei sich an der Wand hängte und jeden Tag seine Niedertracht vor Augen hatte, ohne jegliche Scham oder ohne Bedürfnis, das Unglaubliche zu korrigieren.

In der Todesanzeige heisst es, ein feiner Mensch sei von uns gegangen. «J» war für mich ein Fremder geworden. Ich kann mich nur noch an die Jugend erinnern, als er weich, verspielt und passiv war. Er war kein Intellektueller, interessierte sich nur für Autos, hatte Mühe, sich korrekt auszudrücken. Ohne den Vater im Rücken, und den starken Bruder, wäre wohl kaum viel aus ihm geworden. Aber «J» liebte das Leben, schöne Autos, Gemütlichkeit und Geselligkeit, Whiskey und Wein. Das ist wohl, was bei mir in Erinnerung bleiben wird. Was er seit 24 Jahren gemacht hat, weiss ich nicht. Ich kenne weder seinen Sohn, noch seine zweite Frau. Offenbar ist er ein feiner Mensch geworden. Sein Bruder «R» sah das anders.

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